
Fröhlich gegen Hass: Jendrik singt für Deutschland
Startnummer 01: Zypern
Elena Tsagrinou – »El Diablo«
Um kurz vor halb zehn am Samstagabend könnte es sich lohnen, mal bei Twitter zu schauen, ob wieder »Bad Romance« trendet. Das soll nämlich während des ersten Halbfinales vorgekommen sein, als zahlreiche ESC-Zuschauer sich fragten, woher ihnen dieser Beitrag Zyperns so bekannt vorkommt, und auf den Lady-Gaga-Hit kamen. Weil der Refrain aber als Ohrwurm allemal taugt und die 26-jährige Athenerin sich ihren Club der Teufelinnen per Hüftschwung vom Leib zu halten vermag, sorgt Zypern auf dem wichtigen Eröffnungs-Slot erst mal für beste Laune – auch und gerade beim jüngeren Publikum: »El Diablo« hat es in mehrere Spotify-Ländercharts geschafft.
Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 6/10
Startnummer 02: Albanien
Anxhela Peristeri – »Karma«
Der zweite Startplatz gilt als verflucht beim Eurovision Song Contest, noch nie ist ein Titel von dort zum Sieg geflogen. Nach ihrer Qualifikation im Halbfinale werden die Lieder per Los in die erste oder zweite Hälfte geschickt; die genaue Position wird allerdings seit ein paar Jahren von den Veranstaltern nach dramaturgischen Gesichtspunkten festgelegt. Das heißt: Albanien könnte sich schon etwas ungerecht behandelt sehen, denn auch beim letzten Mal starteten sie von der Zwei. Immerhin reichte es für Platz 17 in der Endabrechnung. Ganz eventuell geht diesmal ein klein bisschen mehr, die Inszenierung der allerdings sehr schwermütigen Ballade ist stimmig: Diva im Silberkleid, von rotem Nebel umwölkt vor schwarzem Hintergrund – das strahlt James-Bond-Vibes aus.
Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 2/10
Startnummer 03: Israel
Eden Alene – »Set Me Free«
Wenn Sie den ESC für Gesangsakrobatik schätzen, kommen Sie hier auf Ihre Kosten. Als »üppiges Geweih auf dem Kopf« bezeichnete ARD-Kommentator Peter Urban die Dreadlock-Skulptur der 21-jährigen Sängerin, die als Nachfahrin äthiopischer Juden in Jerusalem zur Welt kam. Ihr R&B-Popsong plätschert zweieinhalb Minuten dahin, bis er kurz vor Schluss in Fahrt kommt: Erst schmettert Eden Alene ein »Set Me Free« heraus, das als Sample einen Neunziger-Euro-Dance-Track locker getragen hätte. Dann wechselt sie ins Pfeifregister und singt einen Mariah-Carey-verdächtigen Höchstton. Eindrucksvoll.
Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 3/10
Startnummer 04: Belgien
Hooverphonic – »The Wrong Place«
Noch können wir nur spekulieren, denn die Punktzahlen der Halbfinals werden erst nach dem Ende des Finales bekannt gegeben. Doch der Verdacht liegt nahe, dass die flämische Band ihren Finaleinzug vor allem den professionellen Jurys zu verdanken hat, deren Stimmen zur Hälfte neben denen aus dem Televoting zählen. Dass die Musikprofis den geschmackvollen Mid-Tempo-Song um einen One-Night-Stand und das Johnny-Cash-T-Shirt zu schätzen wissen: vorstellbar. Doch viele Zuschauer werden Song und Inszenierung (dunkel, ruhige Kamerafahrten um Sängerin und Band) als eher einschläfernd empfunden haben. Zum Glück ist es noch früh am Abend.
Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 3/10
Startnummer 05: Russland
Manizha – »Russian Woman«
Wenn Sie den ESC für Trickkleider schätzen, ist das hier der Beitrag für Sie: Die gebürtige Tadschikin Manizha tritt zunächst in einem riesigen Trachtenkleid auf, das dann sogar über die Bühne gezogen wird. Dem entsteigt sie dann in einem roten Arbeitsoverall und mit Putzturban und rappt und singt eine von einem Balkan-Beat-Box-Mitglied komponierte Hymne auf die russische Frau, insbesondere die alleinerziehende und die moderne. »Are you ready for change?«, rief sie zum Ende ihres Halbfinalauftritts, »Cause we are. We are the change!« Und damit dürfte sie nicht bloß den Kleiderwechsel meinen.
Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 4/10
Startnummer 06: Malta
Destiny – »Je me casse«
Einen ganz anderen, aber nicht weniger eindrücklichen Beitrag zu weiblichem Selbstbewusstsein und Feminismus präsentiert die 18-jährige Destiny Chukunyere: Souverän schafft sie den stimmlichen Übergang zwischen Flirten und »Bis hierhin und nicht weiter«, zwischen dem kecken französischen Titelslogan (zu Deutsch etwa »Ich mach die Fliege«) und einem ausgelassenen »Alriiight«, bei dem klar wird, warum sie Lizzo und Aretha Franklin zu ihren Vorbildern zählt. Für einen Siegertitel hat es Malta womöglich zu gut gemeint: Die pinken Tänzerinnen an Destinys Seite lenken eher ab von den Stärken von Song und Sängerin.
Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 7/10
Startnummer 07: Portugal
The Black Mamba – »Love Is On My Side«
Eine kleine Überraschung war es schon, wie lässig die portugiesische Band ins Halbfinale spazierte: Ihre Classic-Rock-Ballade mit ordentlich Streichereinsatz ist so punktgenau in Szene gesetzt, dass sie nicht mehr altbacken, sondern angemessen nostalgisch wirkt für einen Erinnerungstrip ins Amsterdam der Jugendzeit von Sänger Pedro Tatanka. Dass dieser Song Peter Urban gefallen würde, war zu erwarten; auch Portugals Ex-Sieger und Plastik-Pop-Gegner Salvador Sobral dürfte mit diesen Nachfolgern einverstanden sein.
Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 5/10
Startnummer 08: Serbien
Hurricane – »Loco Loco«
Wenn Sie den ESC besonders für ausgiebigen Windmaschineneinsatz schätzen, sind sie bei diesem Titel richtig: »One, two – girls – come on« ruft die dunkelhaarige Chefwindmacherin Sanja Vučić, dann paradieren die drei Sängerinnen zum Bühnenrand, wo die Windmaschine sogar im Bild ist und die Mähnen wild verweht. Shakira ist hier weiterhin der Latin-Pop-Goldstandard, dem ohne übertriebene Subtilität nachgeeifert wird.
Sympathiepunkte: 3/10
Siegchancen: 4/10
Startnummer 09: Großbritannien
James Newman – »Embers«
Wie setzt man einen Dance-Pop-Song auf der Bühne um, in dessen Mittelpunkt eine Trompetenmelodie steht? Nun, da wir hier beim Eurovision Song Contest sind: Natürlich mit zwei riesigen Trompeten, die von der Hallendecke hängen, und mit Tänzern, die so tun, als würden sie Trompete spielen. Der Pop-Nation Großbritannien wird oft vorgeworfen, sie gebe sich nicht allzu viel Mühe beim ESC, wo sie als Teil der zahlungskräftigen Big Five automatisch im Finale steht. »Embers« wird den Vorwurf nicht ausräumen, bei allem Enthusiasmus, mit dem James Newman sich in den Auftritt stürzt, der fünf Jahre ältere Bruder des Hitsängers John Newman (»Love Me Again«).
Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 2/10
Startnummer 10: Griechenland
Stefania – »Last Dance«
Wenn Sie den ESC besonders für optische Spielereien mit der Videowand schätzen, dann sollten Sie bei diesem Auftritt ganz genau hinschauen. Vielleicht erspähen Sie dann ein Körperteil eines Tänzers, das nicht korrekt abgedeckt wurde, um den Effekt zu erzeugen, dass hier die Kleidungsstücke körperlos um die 18-jährige Stefania Liberakakis herumzutanzen scheinen. Die Sängerin wirkt allerdings trotz Heimvorteils – sie ist in den Niederlanden geboren und studiert in Utrecht Musik –, als fühle sie sich ein bisschen fremd in ihrem lila glitzernden Gymnastikanzug. Im Halbfinale traf sie auch nicht jeden Ton ganz sicher, doch vielleicht bringt das sogar etwas menschlichen Charme in die sehr berechnete Synthie-Pop-Komposition des Songwritingteams um die ESC-Routiniers Dimitris Kontopolous (2021 auch bei Moldau im Einsatz) und Sharon Vaughn (2021 auch bei Moldau und San Marino im Einsatz).
Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 6/10
Startnummer 11: Schweiz
Gjon's Tears – »Tout l'univers«
Noch immer ist Französisch die zweiterfolgreichste Sprache, was die Siege beim Grand Prix Eurovision de la Chanson betrifft. Doch der letzte Sieg war 1988, eine gewisse Céline Dion gewann – und zwar für die Schweiz. Die hat seither auch nicht mehr gewonnen, und deshalb herrschte 2020 schon eine ziemliche Aufregung, als Gjon Muharremaj, Sohn kosovarisch-albanischer Eltern aus dem Kanton Fribourg, mit »Répondez-moi« zum engeren Favoritenkreis gezählt wurde. In diesem Jahr ist es ähnlich, Gjon hat einfach eine fantastische hohe Balladenstimme, und der diesjährige Titel hat genug Drama in sich, um sie auszustellen. Dass der Song von Wouter Hardy, einem der Macher hinter Duncan Laurences Sieg 2019, produziert wurde, unterstützt die Ambitionen, dämpft aber zugleich die Aussichten etwas: Schließlich wechseln die siegreichen Stile oft von Austragung zu Austragung.
Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 8/10
Startnummer 12: Island
Daði og Gagnamagnið – »10 Years«
Wenn Sie am ESC immer dann besonders viel Spaß haben, wenn er sich selbst auf den Arm nimmt, dann können Sie sich auf das Ende des isländischen Auftritts freuen. Wie hier Feuerfontänen und die Windmaschine nach einer Kunstpause eingesetzt werden, ist die Kirsche auf der Nerd-Humor-Torte, die hier kredenzt wird. Wie schon im Halbfinale wird auch im Finale der Wahl-Berliner Schlaks Daði Freyr nicht live auftreten können – der Grund ist ein positiver Corona-Test in seiner Begleitband, deren tolle Choreografie rund ums Kreiskeyboard man verständlicherweise nicht verändern wollte. Im Wettbewerb bleibt der verspielte Indie-Elektro-Song, es wird die Aufzeichnung einer Probe gezeigt.
Sympathiepunkte: 9/10
Siegchancen: 6/10
Startnummer 13: Spanien
Blas Cantó – »Voy A Quedarme«
Der Gedanke mag ein wenig zynisch sein, aber es ist schon hilfreich zu wissen, dass Blas Cantó seine Ballade im Angedenken an die nach einer Coronavirus-Infektion verstorbene Großmutter geschrieben hat. Denn ohne dieses Wissen dächte man, dass hier einer arg auf die Tränendrüse drücken wollen würde. Der aus der Region Murcia stammende Cantó sang lange in einer Boygroup, das für Boygroup-Alumni typische gereifte gute Aussehen hat er. Was hingegen die stimmliche Magie betrifft, ist ihm Gjon aus der Schweiz weit voraus – und dieser Auftritt folgt arg bald danach.
Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 2/10
Startnummer 14: Moldau
Natalia Gordienko – »Sugar«
Wenn Sie am ESC besonders den Blick in osteuropäische Trash-Universen schätzen, kommen Sie an der Republik Moldau nicht vorbei. Philipp Kirkorow, der (in Bulgarien geborene) Ralph Siegel Russlands, wegen homophober Äußerungen und Unterstützung der Krim-Annektion vielerorts geächtet, lebt seine ESC-Obsession diesmal dort aus. Bei der Komposition des knalligen »Sugar« stand ihm – neben den routinierten ESC-Söldnern Kontopolous und Vaughn (siehe Griechenland) – auch der dichtende Oligarch Mikhail Gutseriev zur Seite, zuletzt in den Pop-Schlagzeilen, als er seinem Sohn zur Hochzeit Auftritte von Jennifer Lopez und Sting schenkte. Die Interpretin, Natalia Gordienko, vor 15 Jahren schon einmal auf der ESC-Bühne, bemüht sich sehr um verführerische Wirkung – und endet mit dem nach ihrer Aussage längsten beim ESC gesungenen Ton: 17 Sekunden.
Sympathiepunkte: 2/10
Siegchancen: 2/10
Startnummer 15: Deutschland
Jendrik – »I Don't Feel Hate«
Dass es eine Gratwanderung werden würde, den überkandidelten Charme des Hamburger Musikers Jendrik in die formalen Kriterien des Eurovision Song Contest hineinzupassen, war klar. Dass die deutsche Delegation diesen Auftrag nach Kräften verhauen würde, war allerdings auch wahrscheinlich. Der tanzende Mittelfinger aus Jendriks selbstproduziertem Musikvideo wird zum Peace-Zeichen und darf ein Trötensolo spielen. Hinzugekommen sind irre fröhliche Blasinstrumentalistin-Darstellerinnen aus der Musikkabaretthölle. Es schmerzt. Dass Jendrik in diesem Umfeld immer noch auszustrahlen vermag, dass er ein sehr netter Typ zu sein scheint, ist eine Leistung, die ihm leider dennoch nicht viele Punkte einbringen wird.
Sympathiepunkte: Keine Angabe, weil keine Stimmabgabe aus Deutschland
Siegchancen: 2/10
Startnummer 16: Finnland
Blind Channel – »Dark Side«
Schöne Pointe der Organisatoren, in der Startreihenfolge hinter den schüchtern fast versteckten Mittelfinger der Deutschen diesen Song zu setzen, der ein einziger Aufruf zum Mittelfingerzeigen ist. Die finnische Nu-Metal-Band singt davon, hat »Join!« auf Hand- und Gitarrenrücken geschrieben und die Mittelfinger rot angemalt. Zweistimmig shouten die beiden Sänger, nicht erwachsen werden zu wollen und hüpfen dabei so energiegeladen zwischen den Feuerfontänen herum, dass man ihnen wünscht, dass es so kommen möge.
Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 4/10
Startnummer 17: Bulgarien
Victoria – »Growing Up Is Getting Old«
Und die thematischen Übergänge gehen weiter: Victoria Georgieva ist über die Trotzphase schon hinaus und verweigert sich dem Erwachsenwerden nicht mehr, aber dass man dabei alt wird, das bedauert sie dann doch. Sie singt darüber eine sich geschmackvoll steigernde Ballade, im blauen Pyjama auf einer Art Felseninsel durch den Fluss der Zeit treibend. Bulgarien bleibt stark im ESC, sehr emotional, zeitgemäß und eindrucksvoll.
Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 6/10
Startnummer 18: Litauen
The Roop – »Discoteque«
Ganz in Gelb tritt die Gruppe um den ausgesprochen konzentrierten Sänger Vaidotas Valiukevičius an. »It is okay to dance alone«, singt er den der Gemeinschaftserlebnisse entwöhnten Europäerinnen und Europäern zu – und macht noch ein paar mögliche Tanzschritte und Handgesten vor. Der Popsong dazu ist cool, aber nicht zu cool. Das Einzige, was zur Siegchance aber vielleicht doch fehlt, ist das Ansprechen großer Gefühle.
Sympathiepunkte: 8/10
Siegchancen: 6/10
Startnummer 19: Ukraine
Go_A – »Shum«
Wer am ESC besonders schätzt, durch einen einzigen Auftritt von einem Musikstil überzeugt zu werden, den man zuvor regelrecht abgelehnt hat, der könnte hier fündig werden. An dieser Stelle muss nämlich Abbitte geleistet werden: Ich sah in der Vorschau aufs erste Halbfinale den ukrainischen Beitrag sicher ausgeschieden. Doch die drei Minuten am Dienstag haben auch mich überzeugt: Die Form, in der die Band um Kateryna Pawlenko auf der Bühne langsam aufdrehende elektronische Beats, hypnotischen folkloristischen Gesang und starke, symbolträchtige Bilder verbindet, die hat was, das ist wirklich fesselnd. Was sie mit »Shum« so genau sagen wollen, bleibt zwar weiter etwas rätselhaft. Aber das stört zumindest die Spotify-Hörenden in halb Europa nicht, in Litauen, Island und Estland sind Go_A sogar schon unter den Top Ten bei dem Streamingdienst, in anderen Ländern hoch in den Viralcharts. Ja, vom Saulus zum Paulus, aber: Das könnte mit einem intensiven Auftritt sogar in Richtung Publikumstriumph gehen. Was die Jurys davon halten? Unberechenbar.
Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 8/10
Startnummer 20: Frankreich
Barbara Pravi – »Voilà«
1988, wir sprachen darüber, gewann zuletzt ein Chanson in französischer Sprache, doch für einen Sieg Frankreichs muss man sogar zurückgehen zu Marie Myriam ins Jahr 1977 und »L'oiseau et l'enfant«. Hätte Frankreich damals Barbara Pravi geschickt mit »Voilà«, sie hätten ebenfalls gewonnen, oder zumindest hätten alle Alfred Bioleks in den Fernsehredaktionen Europas aufgehorcht, sie eingeladen und zum Weltstar gemacht. Wer weiß, vielleicht geht das aber heute noch. Denn auch wenn ihr nachgesagt wird, sie nehme »den Pfeil von Édith Piaf oder Barbara auf« und schicke ihn weiter, ist die 28-Jährige doch eine sehr heutige Person; das merkt man ihr an auf der Bühne und kann es nachlesen und -hören, in ihrem Engagement für Frauenrechte und Liedern über häusliche Gewalt, die sie erleben musste. Für »Voilà« lässt sie die Kamera ganz nah an sich heran, der Vortrag der Ballade ist intensiv, die Steigerung überzeugend. In den Wettbüros liefert sich Frankreich seit Tagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Italien. Es ist etwas möglich.
Sympathiepunkte: 9/10
Siegchancen: 8/10
Startnummer 21: Aserbaidschan
Efendi – »Mata Hari«
Die musikalische Entsprechung zu den beliebten Mädchenbüchern über spannende Frauen der Geschichte – bloß als greller Trash-Pop: Nachdem Samira Efendi 2020 mit »Cleopattt-rrra« leider nicht zum Zuge kam, legt sie nun mit »Ma-ma-ma-Mata Hari« nach. Schön, dass Aserbaidschan nicht nur an der Interpretin festgehalten hat, sondern auch am Produktionsteam Luuk van Beers und Tony Cornelissen – Letzterer hatte sich als Songwriter für Cascada schon in die deutsche ESC-Geschichte eingeschrieben. Und als Bonus präsentiert Efendi den besten Ariana-Grande-Zopf des Jahres.
Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 5/10
Startnummer 22: Norwegen
Tix – »Fallen Angel«
Wenn Sie am ESC besonders die symbolischen Inszenierungen schätzen, dann haben wir hier etwas für Sie: Da ist der norwegische Sänger mit riesigen Engelsflügeln bereit zum Abflug, aber gehörnte schwarze Wesen halten ihn an Ketten auf der Erde. Um die Stirn hat er ein Band mit der Aufschrift »TIX«, so nennt sich Andreas Haukeland, weil er wegen seiner Tics verspottet wurde. Er trägt eine Sonnenbrille, um die Welt nicht zu sich hereinzulassen. Nur einmal kurz schiebt er sie herunter, blinzelt verunsichert, schnell wieder hoch. Wow! Nur schade, dass Tix' Lied mit der Inszenierung nicht mithält, ein Midtempo-Popsong mit Autotune-Chor, dem man die künstlerische Vergangenheit des Interpreten als Schulabschluss-Fetenhit-Sänger kaum noch anmerkt.
Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 4/10
Startnummer 23: Niederlande
Jeangu Macrooy – »Birth Of A New Age«
Wenn Sie vom ESC gerne etwas lernen über entlegene Kulturen, vergessene Musikinstrumente oder gefährdete Sprachen, dann sollten Sie sich an die Gastgeber halten. Deren Vertreter Jeangu Macrooy erfüllt die schwierige Aufgabe des würdevollen Bloß-nicht-wieder-Gewinnens (eine Song-Contest-Ausrichtung ist teuer!) vorbildlich. Von der Black-Lives-Matter-Bewegung inspiriert, greift er in seinem Lied die Sprache Sranantongo auf, die von der Schwarzen Bevölkerung in seiner Heimat Suriname gesprochen wird, einer ehemaligen niederländischen Kolonie. Sie war dort entstanden unter Sklaven aus verschiedenen Teilen Afrikas, die sich so verständigten. Später wurde Niederländisch Pflicht und Sranantongo herabgewürdigt. Jeangu Macrooy will mit seinem Soul-Song mit Wechselgesang auf die international wenig bekannte Sprache aufmerksam machen.
Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 3/10
Startnummer 24: Italien
Måneskin – »Zitti E Buoni«
Ein Rocksong gewann beim Eurovision Song Contest zuletzt 2006, Lordi mit »Hard Rock Hallelujah«, und das schien damals ein bisschen gimmickhaft zu sein. Und nun führt die italienische Rockband, die sich nach einem Vorschlag ihrer dänischen Bassistin Måneskin nennt – Mondschein also, die Listen bei den englischen Wettbüros an. Es stellt sich einmal mehr heraus, wenn ein Song sich beim Festival in Sanremo durchsetzt, sei es Opernkitsch, Cantautori-Pop oder smarter Rap: Er hat in Europa Chancen. Nun also auch diese Band, die ganz auf den Look der Siebzigerjahre setzt, so circa David Bowie zu Ziggy-Stardust-Zeiten, und den Rock auf die exaltierten Gesten und das charismatische Posieren herunterbricht. Dass Damiano David und Band dabei sehr gut aussehen, hilft natürlich – und der Basssolo-Teil hat »Seven Nation Army«-Qualität, na ja, fast. Es wäre eine würdige Feier der Rückkehr des Publikums in die Halle, wenn gerade dieser Titel gewinnen würde.
Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 8/10
Der Eurovision Song Contest 2021 findet in Rotterdam statt, weil die Niederlande 2019 den Wettbewerb gewannen (»Arcade« war das siegreiche Lied, gesungen von Duncan Laurence). 2020 fiel der Song Contest pandemiebedingt aus, es gab nur eine Trostpflastershow ohne Wettstreit.
Diesmal haben die Niederlande die Show in der Ahoy Arena in ihr Programm der Fieldlab Events aufgenommen – Modellversuche zur Öffnung von Veranstaltungen unter Coronabedingungen. Deshalb sollen bis zu 3500 Fans in die Halle kommen dürfen, 20 Prozent ihres eigentlichen Fassungsvermögens.
Die Delegationen aus den 39 Teilnehmerländern sind angereist – mit einer Ausnahme: Australiens Vertreterin Montaigne wurde nicht nach Europa geschickt. Von ihr wird der »Live on Tape«-Auftritt gezeigt, den alle Nationen aufgezeichnet haben. Er käme auch im Fall einer Quarantänepflicht eines anderen Kandidaten zum Einsatz.
Bei den Auftritten auf der Bühne gibt es 2021 eine Neuerung: Erstmals muss nicht jeder Hintergrundgesang live dargeboten werden; es dürfen auch Stimmen und Chöre zum Backing-Track hinzugefügt werden. Der Hauptgesang muss weiterhin live sein. Eine Regeländerung, die den Showaspekt bestärken dürfte.
Startnummer 25: Schweden
Tusse – »Voices«
Wenn Sie den ESC dafür schätzen, dass er Ihnen einmal im Jahr verlässlich schwedischen Qualitätspop liefert, dann mussten Sie zwar eine Weile durchhalten, aber hier ist er. Viel ESC-Handwerk-Erfahrung kam im Songwritingcamp zusammen, natürlich wurde, wie es sich gehört, auch eine schöne Tonartverschiebung vor dem letzten Refrain eingebaut. Die Botschaft richtet sich gegen Hass, und den musste der 19-jährige Sänger Tousin Michael Chiza, der vor sechs Jahren als Flüchtling aus der Demokratischen Republik Kongo nach Schweden kam, in den Internetkommentaren zu seinem Song reichlich erfahren, auch wegen seines androgynen Auftretens. Im Halbfinale kam allerdings nicht die totale Überzeugungskraft durch.
Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 5/10
Startnummer 26: San Marino
Senhit – »Adrenalina«
In Sachen »Return on Investment« steht San Marino schon jetzt gut da. Denn selten genug kam es vor, dass der Kleinstaat ins Finale kam. Und nun füllen sie nicht nur das Feld auf, nein, sie sind der krönende Abschluss. Zu verdanken haben sie das ein bisschen der ESC-erfahrenen Sängerin Senhit, dem von zehn Songwritingprofis zusammengestellten Latin-Pop-Song, vor allem aber doch dem Stargast Flo Rida, einem der erfolgreichsten Rapper der späten Nuller- und frühen Zehnerjahre, der nicht nur mit seiner Strophe, sondern auch mit seinen Anfeuerungsrufen im letzten Refrain die Stimmung für San Marino zu drehen vermag. Zusätzlich ist der US-Rapper noch ein schönes Aushängeschild für die amerikanischen Pläne, die die europäische Rundfunkunion EBU hegt: Bald soll es einen American Song Contest geben. Mit Senhit featuring Flo Rida aus San Marino im Rahmenprogramm? Na, mal abwarten.
Sympathiepunkte: 3/10
Siegchancen: 6/10
Eurovision Song Contest, das Finale – Im TV: Das Erste, Samstag, 22. Mai, 21 Uhr (Vorberichte ab 20.15 Uhr); Liveticker auf SPIEGEL.de
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